Selbstmitgefühl: Ein Power-Tool und kein Mimimi

Selbstmitgefühl, Selbstzweifel, Kristin Neff, Mitgefühl, Selbstkritik, Innerer Kritiker

Wie oft fühlen wir mit anderen mit? Wie oft unterstützen wir andere mit unserem Mitgefühl? Und wie leicht fällt es uns da, den Schmerz, die Traurigkeit, die Wut zu sehen, anzuerkennen und zu würdigen. Einfach dem anderen zur Seite stehen. Doch Selbstmitgefühl für uns? Fehlanzeige!

Uns selbst gestehen wir oft kein Mitgefühl zu. Schließlich sind wir stark. Und nur die Harten kommen in den Garten. Doch wie können wir für unseren Schmerz, unsere Traurigkeit, unsere Wut, unsere Angst sorgen, ohne dass Leiden zu verstärken? Verdrängen ist keine Lösung. Selbstmitgefühl ist die Antwort – doch es ist nicht so leicht wie es sich anhört.

 

Was ist überhaupt Mitgefühl?

Mitgefühl hat etwas von der Fürsorge einer Mutter, die ihr Kind tröstet und ist verbunden mit positiven, beruhigenden und liebevollen Gefühlen. Wir schenken dem anderen das Gefühl, du bist nicht allein, ich bin an deiner Seite. Ich sehe dich in deinem Schmerz. Es tut so gut, wenn jemand einem Mitgefühl schenkt. Es gibt Raum, entspannt und spendet Mut und Kraft. Warum sollten wir uns dieses selbst dann verweigern?

Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen – ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Wir erfahren uns, unsere Gedanken und Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes – eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, die uns auf unsere persönlichen Wünsche, und auf die Gefühle für die wenigen Personen reduziert, die uns am nächsten sind. Unser Ziel muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis unserer Nächstenliebe so erweitern, dass er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in ihrer Schönheit einschließt. Der wahre Wert eines menschlichen Wesens wird bezeichnet durch das Maß und den Sinn, in dem es Befreiung vom Selbst erlangt hat. Wir werden eine grundlegend neue Art des Denkens notwendig haben, wenn die Menschheit überleben soll.

Albert Einstein

Die drei Elemente von Selbst-Mitgefühl nach Kristin Neff

 

1. Freundlichkeit sich selbst gegenüber
„Was ich gerade durchmache, ist nicht einfach.“

2. Wir sitzen alle in einem Boot
„Was ich gerade durchmache, ist hart. Doch ich bin nicht alleine damit. Jeder geht durch seine Herausforderungen.“

Ängste, Schmerzen und Unglücke gibt es nicht nur in unserem Leben. Mit diesen Herausforderungen gehen viele Menschen um. Es ist ein Teil des menschlichen Lebens.

3. Achtsamkeit
Ich bin da und ich sehe dich.

Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit.
Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.
Thich Nhat Hanh

 

Was Selbstmitgefühl nicht ist!

 

Klarheit über die Bedeutung des Wortes“Selbstmitgefühl“ räumt Missverständnisse aus.

Mir war das Wort „Selbstmitgefühl“ anfangs ziemlich suspekt. Und ich hatte einige Assoziationen, die mir den Zugang zu dem Selbstmitgefühl erschwert haben – bis ich sie geklärt habe. Vielleicht hast du ähnliche Assoziationen und Vorurteile?

 

1. Selbstmitgefühl ist nicht selbstsüchtig und kann es auch gar nicht sein

Selbstmitgefühl schafft den goldenen Mittelweg: es unterdrückt den Egoismus ohne die eigenen Bedürfnisse auszublenden oder zu ignorieren.
Mit Selbstmitgefühl zeige und verstehe ich liebevolle Selbstfürsorge, weil ich Teil eines großen Ganzen bin. Durch das Mitfühlen erkenne ich, dass alles ein Prozess ist und ich nicht alleine bin, sondern verbunden bin mit anderen.

 

2. Selbstmitgefühl ist nicht selbstlos und kann es auch gar nicht sein.

Aus demselben Grund wie es nicht selbstsüchtig sein kann, kann es auch nicht selbstlos sein.

Eine selbstsüchtige Person nimmt sich als Mittelpunkt der Welt, bläht sich selbst auf. Während auf der anderen Seite die Person, sich als nicht wichtig nimmt, sich klein macht und sich unsicher fühlt.

Wenn wir die Bedürfnisse und Wünsche anderer an die erste Stelle setzen, dann ist das kein Mitgefühl, dann ist das PeoplePleasing (Ich finde diesen englischen Ausdruck so treffend und auf dem Punkt! Leider fehlt mir dafür das deutsche Pendant.) Es zeigt deutlich, wie wenig wir unsere eigenen Gefühle umgehen wollen bis dahin wie wenig wir unsere eigenen Gefühle wahrnehmen und beachten wollen.

Selbstlose Menschen machen alles, um unangenehme Gefühle zu vermeiden. Es fällt ihnen schwer, nein zu sagen, weil es vielleicht jemanden anderen verletzen könnte. Sie können schlecht für sich einstehen, weil sie glauben, dass sie es nicht verdienen. Und andererseits sind sie verzweifelt auf Suche nach Liebe, Anerkennung und Wertschätzung von außen.

Selbstmitgefühl spielt eine entscheidende Rolle bei der Akzeptanz der eigenen Person und auch den eigenen Gefühlen.

 

3. Selbstmitgefühl ist nicht kritisch oder bewertend und kann es auch gar nicht sein

Für Selbstmitgefühl braucht es eine freundliche, offene, verständnisvolle Haltung.

Stärken wir uns selbst den Rücken, statt dem Selbstzweifel die Oberhand zu lassen, können wir leichter sehen, wo wir Möglichkeiten haben, zu wachsen und zu verändern.

Selbstmitgefühl ist ein besserer Motivator als Selbstzweifel/als die Kritikermonster, die nur Angst schaffen und uns so klein und unbedeutend fühlen lassen. Ohne Selbstmitgefühl sind wir weniger bereit auf uns selbst zu schauen aus Angst vor den eigenen harten Urteilen.

Mit Selbstmitgefühl gelingt uns leichter, dass große Bild wahrzunehmen. Wir sehen leichter, was dazu zu der Situation geführt und warum wir diesen Weg gewählt haben. Und wir übernehmen die Verantwortung für unser Handeln. Anstatt Dinge auszublenden – aus Scham und Angst und Verurteilung.

 

4. Selbstmitgefühl ist nicht mitleidig und kann es auch nicht sein

Wenn wir ein Problem erkennen und uns über-identifizieren mit diesem Problem, dann fühlen wir uns allein. Von anderen und vom Leben abgetrennt. Wir fühlen uns isoliert und denken vielleicht wir sind ganz allein in unserem Schmerz und Leiden.

Selbstmitgefühl hilft einen Schritt zurück zu machen und einen Schritt auf andere zu machen. Wir sehen, dass wir nicht alleine sind. Wir erkennen, dass wir Probleme haben und andere haben auch Probleme. Und wir sehen, dass manche Menschen größere Lasten gerade tragen ohne unsere eigene Last zu schmälern.

 

Die Vorteile von Selbstmitgefühl

 

Selbstmitgefühl als Motivator

Wen würdest du für dich wählen?
a) Einen Drill-Instructor? Jemanden, der dich durch den Schmerz anschreit und durch treibt und dich über deine Grenzen hinaus fordert?
b) Einen liebevollen Mentor, der deine Erfolge feiert und dich ermutigt, wenn du durchhängst?

Wie hast du entschieden? Wählst du deinen Inneren Kritiker oder das Selbstmitgefühl?

Selbstmitgefühl ist ein besserer Motivator als Selbstzweifel, Selbstkritik und Selbstbewertung. Es fällt uns viel leichter, uns unserer Fehler einzugestehen, wenn wir die Angst vor Selbstkritik herausnehmen und sie mit Freundlichkeit, Liebe und Verständnis ersetzen. Wenn wir unsere Fehler, unsere schlechten Angewohnheiten oder unser Scheitern eingestehen, dann kann Veränderung beginnen. Selbstmitgefühl ermuntert uns, wieder zu etwas wagen. Selbstgefühl erlaubt uns eine positive Haltung.

Studien zufolge ist Selbstmitgefühl effektiver. In einem schwierigen frustrierenden Test wurden manchen Studenten eine mitfühlende Botschaft vorab gegeben und anderen nicht.
„Wenn du Schwierigkeiten mit diesem Test hast, bist du nicht alleine damit. Es ist bekannt, dass Studenten Probleme mit dieser Art der Tests haben. Wenn du dich schlecht fühlst, sei bitte nicht so hart zu dir selbst.“ Es stellte sich heraus, dass die Studenten mit dieser Botschaft, mehr Bereitschaft zeigten, ihre Leistung zu verbessern.

Selbstmitgefühl und emotionale Resilienz

Selbstmitgefühl unterstützt im Umgang mit schwierigen Emotionen. Es kann uns aus dem Kreislauf emotionaler Reaktivität herausholen. In dem wir das Verhältnis zu uns selbst und zu dem Leben ändern, können wir emotionale Stabilität gewinnen, die wir brauchen, um glücklich zu sein.

 

Wie praktiziert man nun Selbstmitgefühl?

Wenn wir uns unwohl mit den Emotionen fühlen, neigen wir erst mal dazu, sie zu verdrängen, ihnen auszuweichen oder sie verändern zu wollen. Doch Selbstmitgefühl ist die Akzeptanz dieser unbequemen Gefühlen und sie freundlich und liebevoll unterstützend aushalten zu können bis sie verschwinden und wir heilen.

Selbstmitgefühl zu praktizieren kann hart sein.

Wenn du ein wenig so bist wie ich lange war, und du viele Jahre damit verbracht hast, dich zu kritisieren, dich ständig verbessern wollen oder anders sein wollen, und immer Ausschau nach dem nächsten gehalten hast, was du verbessern kannst. Wenn du dich klein gemacht hast, weil alle anderen doch so viel besser waren. Und du dich nicht gut genug gefühlt hast. Dann ist es jetzt wichtig, das anzuerkennen und freundlicher zu dir zu werden. Es ist genauso wichtig, dem Inneren Kritiker gegenüber aufmerksam zu werden, denn wir sind so gewöhnt daran, hart und unnachgiebig zu uns selbst zu sein, dass wir es fast schon gar nicht mehr bemerken.

Ein sanfter Ton und eine liebevolle Berührung

Mitgefühl hat einen universellen Sound. Wenn du ein Kind siehst, das sich gerade verletzt hat, machst du automatisch….? Genau…ooooh. Und du berührst das Kind liebevoll, um zu signalisieren, ich bin da – ich bin an deiner Seite.
Dieses für sich selbst zu machen, mag auf den ersten Blick etwas befremdlich sein. Forschungen haben jedoch ergeben, dass es Sicherheit gibt und Stress reduziert. Und ich kann es bestätigen :-).

Wenn du wieder deinen Inneren Kritiker hörst oder du gerade in einem stressigen Moment bist, lege deine Hände einfach auf dem Bauch, umarme dich selbst, halte deine Hand. Probiere aus, was für dich am besten ist. Fühle die Wärme und den leichten Druck deiner Hände und folge für eine Weile deinem Atem.

Studien sagen, dass die Körperhaltung uns die entsprechende Emotion fühlen lässt. Und mit diesem Trick kannst du deinem Verstand auf die Sprünge zum Selbstmitgefühl helfen.

Schreibe dir einen Brief

Denk an etwas, wo du schlecht über dich denkst oder du dich schlecht fühlst. Das kann etwas aus deinem Leben, ein Thema auf der Arbeit, Beziehungsprobleme, dein Aussehen, deine Gesundheit sein. Und dann denke an einen guten liebevollen Freund, der alles von dir weißt und dich bedingungslos liebt. Schreibe dir eine liebevolle mitfühlende Antwort aus der Perspektive deines Freundes.
Leg diesen Brief dann erst mal an die Seite. Nimm ihn dir nach einem Weilchen vor, lies ihn sorgfältig und fühle die Worte, die Liebe und das Mitgefühl. Lass es in dein Herz.

Vielleicht klingt der Brief so

„Ich weiß, dass du gerade durch eine schwierige Zeit gehst. Und es tut mir so schrecklich leid für dich. Es ist sehr schwer, diese vielen Veränderungen in deinem Leben anzunehmen. Und es tut so weh. Ich sehe, du fühlst dich oft hilflos, verletzt und alleine. Und dein Leben hat sich so verändert ohne dass du es abwenden konntest. Das macht wütend und traurig. Auch wenn es oft hart ist und manchmal auch fast nicht mehr auszuhalten ist, es ist völlig normal so zu fühlen. Du bist nicht alleine damit, es gibt viele Menschen, die durch ähnliche Veränderungen und ähnlichen Schmerz gehen. Du gibst dein Bestes und auch wenn es hart ist, gehst du weiter kleine Schritte. Und das ist gut so…Geh weiter…Kleine Schritte“

Abschließende Worte

Ich freue mich, dass du bis zum Ende von einem meiner längsten Artikel gekommen bist. Danke dafür! Selbstmitgefühl ist ein spannender Weg, der mich mehr zu mir selbst brachte und meine Liebe und mein Mitgefühl für andere noch mehr erweiterte.

Wie sorgst du für dich? Was sind deine Gedanken zum Selbstmitgefühl?

Meine Buchtipps zum Thema Selbstmitgefühl:

Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden

Mit dem Herzen eines Buddha: Heilende Wege zu Selbstakzeptanz und Lebensfreude

Merken

Merken

Merken

8 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Veronika,

    der Brief ist ja wirklich wunderschön. Er hat mich ganz tief berührt, so dass ich deinen Artikel gleich an eine Freundin weitergeleitet habe.
    Das Selbstmitgefühl ist wirklich so sehr wichtig. Früher habe ich eher auf meinen Drill-Instructor (übrigens ein Spitzenname 😉 )gehört, der sich auch heute immer mal wieder meldet.

    Aber inzwischen wird es immer besser und ich habe mehr Mitgefühl mit mir selbst.

    Herzlichen Dank und liebe Grüße

    Barbara

    1. Liebe Barbara
      ganz lieben Dank fürs Weiterleiten. Das freut mich jaaaa sooooo <3. Den Brief habe ich mir selbst Anfang des Jahres geschrieben und er hat mich wirklich durch ein Tal geführt und mich immer wieder beruhigt und zum Weitergehen angeregt.
      Mach weiter so! Du bist auf einem guten Weg und ich freu mich mit dir mit <3.
      Von Herzen liebe Grüße
      Veronika

  2. Liebe Veronika,

    wirklich ein sehr schöner Beitrag mit ganz viel Mehrwert. Ja, manchmal tut es wirklich gut, wenn wir zu uns selbst so liebevoll sprechen, wie zu einem Kind. Ein Lob für sich selbst berührt dann ebenso viel mehr!
    Danke für den schönen Impuls zu mehr Selbstmitgefühl ☺
    Herzliche Grüße Nicole Wendland

  3. Hallo Veronika,

    vielen Dank für deinen tollen Artikel.

    Ich war gerade auf der Suche und bin darauf gestoßen und musste feststellen das du so einen geilen Artikel geschrieben hast, wie sonst kein anderer.

    Ich musste den wirklich bis zum Ende lesen und wie du schon gesagt hattest „Ich freue mich, dass du bis zum Ende von einem meiner längsten Artikel gekommen bist. “

    Das kann ich mir vorstellen, nach der Arbeit 😉

    Besonders aufgefallen ist mir der Punkt

    2. Wir sitzen alle in einem Boot
    „Was ich gerade durchmache, ist hart. Doch ich bin nicht alleine damit. Jeder geht durch seine Herausforderungen.“

    Das stimmt vollkommen, weil viele und ich auch denken das es anderen besser geht als mir.

    Keiner hat angeblich Sorgen und alle machen ihr Leben ohne große Herausforderungen. So sieht es meistens immer aus und das macht mich meistens immer so traurig.

    Deine Frage wegen dem Mitgefühl hätte ich so beantwortet: b) Einen liebevollen Mentor, der deine Erfolge feiert und dich ermutigt, wenn du durchhängst?

    Weil ich keinen brauche, der mich noch zusammenpfeift wenn ich in einen Loch stecke aber einen der sagt wie es weitergeht.

    Jeder hat diese Lage und natürlich reagieren manche anders, aber ich bin eher der Typ der sagt: OK ich mache es, aber ohne Peitsche 😉

    Naja Spaß beiseite.

    Dankeschön für den Artikel.

    LG Stephan

    1. Lieber Stephan

      ohhh, danke <3. Das geht runter wie Öl!

      Ja... der äußere Schein trügt oft und wir alle versuchen auch oft die Fassade nach außen aufrechtzuhalten. Und das ist auch völlig in Ordnung, zu entscheiden, wer hinter die Kulissen blicken darf und auch wann.

      Ganz lieben Dank
      Veronika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.