Warum wir zwei Ohren und einen Mund haben

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Ich habe immer gedacht, ich bin eine gute Zuhörerin. Durch meine Profession als Therapeutin bin ich geschult, zu zuhören und gute Nachfragen zu stellen. So habe ich gedacht.

Doch vor kurzem nahm ich wahr, dass ich gar nicht so gut im Zuhören wie ich dachte – im wirklichen Zuhören – im authentischen wirklichen Zuhören.

Ein kleiner Gesprächsausschnitt, um es anschaulicher zu machen:

Peter: Hallo, ich bin wieder da!

Ich: Und wie war es? Hast du gewonnen?

Mein Kopf: Ich hoffe, er hat gewonnen. Sonst ist er schlecht gelaunt und wir treffen nachher noch Paul und Emma.

Peter: Ja, 2:1.

Mein Kopf: …ich muss noch daran denken, den Kuchen zu dekorieren. Oh, hat er gesagt, dass er gewonnen hat? Gott sei Dank!

Ich: Das ist ja großartig! Hast du ein Tor geschossen?

Mein Kopf: Ich bin gespannt, wer heute Abend noch so kommt. Vielleicht kommen ja auch Isabell und Robert, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

So ging das Gespräch munter weiter – zwischen uns und zwischen mir und meinem Kopf. Du kannst es dir in etwa vorstellen. Ich habe noch ein paar andere schlechte Hörgewohnheiten. Doch dazu später. Das wichtige ist, ich kann es verändern! Wir können alle gute authentische Zuhörer werden – wenn wir wissen wie.

Wirklich Zuhören ist eines der kraftvollsten Tools, die wir zur Verfügung haben. Es hilft, Verbindung zu dem anderen herzustellen und ist wichtig für eine authentische Beziehung. In dem Moment, wo wir alles beiseite schieben und uns ganz und gar auf die sprechende Person konzentrieren, vermitteln wir dem anderen das Gefühl „Ich interessiere mich für dich! Du bedeutest mir viel! Das, was du sagst, ist wichtig! Du bist wichtig für mich!“.

Um ein guter und authentischer Zuhörer zu sein, braucht es drei Zutaten:

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  1. Abschalten
  2. Einfühlen
  3. Einlassen
  1. Abschalten

Sicherlich hilft es, wenn wir wirklich gut zuhören wollen, alle Störfaktoren auszuschalten. Doch in der Realität schaut es oft anders aus. Wir sind nicht immer in der Lage, immer alles sofort beiseite zu legen und uns zu fokussieren, wenn uns jemand anspricht. Das wichtige ist, zu erkennen, wann es hilfreich ist, es zu tun und auch wann nicht. Zum Beispiel:

  • Dein Partner kommt frustriert nach Hause und erzählt von seinem anstrengenden Tag auf der Arbeit und seinen Schwierigkeiten
  • Dein Kind kommt mit merkwürdigen Fragen oder Sätzen um die Ecke „Wenn ich heute fürchterliche Kopfschmerzen habe, muss ich dann zur Schule?“
  • Deine Freundin ruft dich aufgeregt und verweint an

In den Beispielen fragen die Personen nach einer Verbindung zu uns. Sie möchten unseren Fokus und unsere Aufmerksamkeit. Sie laden uns in ihre Welt ein. Wir haben die Wahl. Ignorieren wir die Einladung, machen weiter mit dem, was wir gerade tun oder stoppen wir und geben ihnen die Aufmerksamkeit?

Stoppen

Wir müssen aufhören, was wir gerade machen. Multitasking ist oft mal ganz nützlich, beim authentischen Zuhören allerdings nicht. Manchmal  geht es jedoch nicht sofort, da kann es hilfreich sein, es zu verschieben:

„Oh, ich höre dir gleich gerne zu. Lass mich nur kurz die Spülmaschine einräumen, dann setzen wir uns hin und reden.“

Mach es dir bequem

Es ist nicht einfach zu zuhören, wenn dir zu kalt oder zu heiß ist, wenn du zu müde, hungrig oder durstig bist. Sorge für dich – auch wenn das heißt, das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Zum Beispiel weiß ich von mir (und an sich weiß es auch jeder, der mich näher kennt), dass ich früh morgens noch nicht aufnahmebereit bin, sondern eher in einer muffeligen Morgengrummelstimmung bin.

Sei präsent

Das heißt ganz einfach, in dem Moment, wo dein Gegenüber redet, konzentrierst du dich ganz gar auf das, was er sagt. Das bedeutet, du schaltest für den Moment die Gespräche in deinem Kopf aus. Denke an mein Beispiel von oben – unglaublich wie oft ich mich mittlerweile dabei erwische.

Den Gesprächspartner im Satz zu unterbrechen, ist ebenfalls eine schlechte Angewohnheit. Studien haben herausgefunden, dass der Durchschnitt ca. 17 Sekunden wartet, bevor sie den anderen unterbrechen. Übung macht den Meister. Versuche beim nächsten Mal eine Minute zu warten, bis du unterbrichst oder den Satz vervollständigst. Da kann eine Minute manchmal ganz schön lang werden.

Emotionen

Hoiiiiiiii… Gefühle plöppen oft in Gesprächen hoch. Denk mal an eine Situation, in der dir dein Partner erklärte, dass er auf dich sauer ist, weil du etwas gemacht hast oder auch nicht gemacht hast. Während er spricht, fühlst du dich vielleicht wütend, angegriffen, verletzt oder traurig.

Oder er erzählt etwas, das triggert eine schlechte Erinnerung aus der Vergangenheit und die Gefühle dazu kommen an die Oberfläche.

Noch eine Variante ist, du kannst die Gefühle der anderen Person nicht aushalten. Warst du schon mal richtig richtig wütend und dein Gegenüber versuchte dich abzuwürgen?

Es ist schwierig und doch einen Versuch wert, die eigenen Gefühle mal für den Moment auszublenden und dem anderen den Raum geben. Später bleibt noch Zeit, die Gefühle miteinander zu teilen.

2. Einfühlen

Wenn wir uns in jemanden einfühlen, versuchen wir alles, um zu verstehen, was gesagt wird:

Zu hören, was gesagt wird und wie es gesagt wird sowie die non-verbale Kommunikation.

„Effektive Kommunikation vereinbart das Hören und das Reden mit dem Herzen. Wenn sich eine Person emotional verstanden fühlt, dann fühlt sie sich umsorgt. Das ist der Unterschied zum Zuhören mit dem Kopf – da geht es hauptsächlich, um den Inhalt ohne Aufmerksamkeit auf die Emotion.“ (Gary Smalley, The DNA of Relationships).

3.Einlassen

Der Unterschied zwischen einem guten Zuhörer und einem authentischen Zuhörer liegt in der Einstellung. Du kannst alle Techniken lernen und deine schlechten Angewohnheiten ausmerzen, doch wenn die Einstellung nicht stimmt, dann wirkt dein Zuhören hohl und falsch. Dein Arbeitskollege, dein Kind, dein Partner oder deine Freundin werden schnell spüren, wenn du nicht mit Herzen dabei bist. Sie können vielleicht nicht genau sagen, was es ist, aber sie spüren, dass du nicht wirklich mit dem anderen verbunden bist und mit dem, was sie dir sagen wollen.

Es ist fast magisch, wenn dir das Gefühl vermittelt wird, jemand möchte dir wirklich zuhören, versucht sich einzufühlen und möchte das Beste für dich. Oft leiden Beziehungen daran, dass man sich alleine fühlt, abgrenzt vom anderen – weil keiner den Schritt in die Welt des anderen wagt, mit Neugierde erkundet und der Sehnsucht, den anderen kennenzulernen, den anderen zu verstehen, mit der Person zu sein, präsent zu sein und für den anderen zu sorgen.

Für eine authentische Beziehung geben wir unser ganzes Herz hinein und machen einen Schritt in die Welt des anderen.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zu dem wunderbaren Projekt FRIDA von Rednermacherin Judith Torma Goncalves. Eine ganz zauberhafte Idee, die über virtuelle Grenzen hinausgeht. Frida ist ein wunderschönes Buch – wie ein Poesiealbum, in der die Beteiligten ihre Gedanken zum Thema Kommunikation verewigen. Etwas wunderbar Wertvolles – ich habe ausgiebig darin geblättert, die Seiten bewundert. Schau doch mal vorbei und lerne die anderen Beiträge kenne. Link! Danke Judith Torma Goncalves, dass ich dabei sein darf. Es war mir eine große Ehre!

Ich freue mich über eine spannende Diskussion mit dir hier. Möchtest du tiefer in das Thema Zuhören einsteigen? Letztes Jahr habe ich eine Blogparade zu dem Thema gemacht. Hole dir das kostenlose EBook dazu.

5 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Veronika!

    Ein wunderschöner Beitrag über ein wirklich wichtiges Thema, das wir allzu oft vergessen!
    Danke dir für die Er-klärungen und Erinnerungen!

    Liebe Grüße,

    Kiwi

  2. Liebe Veronika,
    ich habe schon öfter mal auf deinem Blog vorbeigeschaut. „Warum wir zwei Ohren aber nur einen Mund haben“ war für mich wie eine offene Türe. Danke! Beim ersten Abschnitt mit Abschalten und Loslassen fühlte ich mich ertappt. Ich bin trotzdem geblieben und habe mich weiter umgesehen: Einfühlen und Einlassen… Ich bemühe mich achtsam zu sein aber ganz ehrlich, mir gelingt das nicht immer. Vor allem, beim Multitasking. Da ist mir dann eine E-Mail manchmal wichtiger als mein Sohn. Ich verlasse dein einladendes Haus jetzt wieder, jedoch nicht ohne mir fest vorzunehmen, noch präsenter und liebevoller zu sein, wenn jemand Kontakt aufnehmen möchte.
    Alles Liebe
    Birgit

    1. Liebe Birgit

      ganz herzlichen Dank für deinen wunderbaren Kommentar. Ich freu mich, dass wir uns hier begegnen. Immer achtsam sein ist auch schwer – muss auch nicht immer sein. Im richtigen wichtigen Moment allerdings wunderbar.

      Von Herzen liebe Grüße
      Veronika

  3. Vielen Dank @stimmperlen, liebe Veronika Krytzner für diesen sehr schönen Beitrag.

    Durch meinen Urlaub hat sich der Eintrag ins Virtuelle Buch etwas verspätet, dafür jetzt um so herzlicher.

    Ihr Beitrag bringt mich schon beim Überfliegen zum innerlichen Schmunzeln und ich nehme mir gern noch mal Zeit diesen Beitrag in Ruhe zu lesen. Außerdem werde ich diesen Beitrag meinen Newsletter-Lesern in der ersten September Woche ans Herz legen.

    Herzliche Grüße Judith Torma alias @Rednermacherin

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